Diakonie und Geflüchtete
Von Begegnungen in der Asylunterkunft in Nussbaumen
Dienstag, 16. Dezember 2025 abends um 18:00 Uhr im technischen Zentrum. Hier warten gut zwei Dutzend, meist junge Männer auf uns. Mit uns ist eine Gruppe Obersiggenthaler Einwohnerinnen und Einwohner gemeint, die gehört haben, dass ein Treffen in der Vorweihnachtszeit durchgeführt wird. Aus dem gemeinsamen Interesse, den Geflüchteten einen Ansprechpartner zu bieten und etwas Unterstützung anzubieten.
Die Feuerschale brennt, Tee und Punsch stehen bereit. Man ist sich anfänglich fremd, sucht das Gespräch und eine gemeinsame Sprache. Englisch, Französisch, Deutsch. Namen werden ausgetauscht. Sie klingen fremd und abenteuerlich. Sie könnten aus einem Karl May Roman stammen wie «Durch’s wilde Kurdistan». Tatsächlich stammen ein paar Männer aus dieser Region. Aus Ost-Anatolien, Syrien und Iran. Die Sache der Kurden ist seit jeher kompliziert. Es wird eine Ansprache gehalten. Zwei Männer begrüssen die Anwesenden auf Deutsch. Sie geben sich sichtlich Mühe. Es wird geklatscht.
Nach der Begrüssung begeben wir uns in den Untergrund. Die Unterkunft sind nämlich nicht die beiden Container auf der Wiese. Sie dienen lediglich als Behausung und Büro für das Personal. Kantonales Betreuungspersonal in Uniform. Sie schauen nach dem Rechten. Sie sind die Schnittstelle zu Behörden und Polizei, wenn etwas anliegt. Dass wir Obersiggenthaler in die Unterkunft dürfen, ist vorgängig von der zuständigen Stelle abgesegnet worden. Fotos werden keine gemacht.
Die Notunterkunft in Nussbaumen ist eine GSS, eine geschützte Sanitätsstelle des Zivilschutzes in einer Notlage für die Zivilbevölkerung. Jetzt ist es eine kantonale Notunterkunft für Geflüchtete, mangels anderer Unterkünfte – temporär. Sie ist nicht die einzige im Kanton Aargau. WiFi wurde für die Bewohner nachgerüstet. Internet und die Welt da draussen auf dem eigenen 6 Zoll Bildschirm des Handys. Information, Lernplattform und Kommunikation gleichzeitig.
Eine Rückzugsmöglichkeit tagsüber oder am Abend wünschen sich viele der Geflüchteten. Das eigene Bett, mit Laken zugemauert, reicht nicht.
Ein afghanischer Flüchtling zeigt mir die Gebetsecke. Ein Dutzend Gebetsteppiche und an der Wand von Hand geschrieben, wann Sonnenauf- und -niedergang ist. Das ist wichtig für einen Muslim, denn die Gebetszeiten ändern sich Woche für Woche. Natürlich gibt es dafür auch eine App auf dem Handy.
Schutzstatus S, eine Gruppe junger Ukrainer unter 25 Jahren sind in den letzten drei Monaten untergebracht worden. Sie dürfen hier sein, wohlwissend, dass mit 25 Jahren die Einberufung zum Militärdienst ansteht. Sie warten auf eine Zuteilung in den Deutschkurs. Das wird verlangt, aber die Wartezeiten sind zur Zeit länger. Eventuell klappt’s Anfang Jahr. Die Zeit überbrücken sie in der näheren Umgebung. Sie gehen ins Gym (Angebot in Zürich für Geflüchtete) oder verbringen tagsüber die Zeit in der Stadtbibliothek in Baden. Ruhe, Wärme, gratis WLAN. Im Kafi sitzen können sie sich nicht leisten. Das Kino Royal ist eine weitere Anlaufstelle in Baden.
Es war ein erstes geplantes Treffen mit den Geflüchteten in der Notunterkunft. Männer, die auf einen Asylentscheid aus Bern warten müssen. Nicht heute oder morgen. Diese Zeit muss überbrückt und gefüllt werden. Welche Unterstützung ist in dieser Zeit hilfreich und sinnvoll? Damit beschäftigt sich eine Gruppe Obersiggenthaler – ehrenamtlich. Die Kirche nimmt hier ihren diakonischen Auftrag wahr.
Text/Bild: Igor Simonides
